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Hund im Sommer: Die biologischen Fakten hinter Hitze, Fell und Abkühlung

Hund im Sommer: Die biologischen Fakten hinter Hitze, Fell und Abkühlung

Sobald die Temperaturen im Sommer die 25-Grad-Marke knacken, zieht es uns Menschen nach draußen. Doch während wir im T-Shirt schwitzen und uns durch Verdunstungskälte auf der Haut abkühlen, sieht die Welt für unsere Hunde völlig anders aus.

Um unseren Hunden die heiße Jahreszeit so angenehm und sicher wie möglich zu machen, lohnt sich ein Blick auf die Biologie des Hundes. Denn beim Thema Sommerhitze gibt es einige Mythen, die für unsere Vierbeiner im schlimmsten Fall lebensgefährlich werden können.

Hier sind die wissenschaftlichen Fakten, die jeder Hundemensch kennen sollte.

1. Die Thermoregulation: Warum Hunde nicht schwitzen können

Mensch und Hund regulieren ihre Körpertemperatur auf völlig unterschiedliche Weise. Während der Mensch über Millionen von Schweißdrüsen auf der Haut verfügt, besitzen Hunde funktionale Schweißdrüsen fast ausschließlich an den Pfotenballen. ¹ Diese reichen zur Kühlung des gesamten Körpers jedoch hinten und vorne nicht aus.

Die primäre Kühlung des Hundes erfolgt über das Hecheln:

Der biologische Mechanismus: Beim Hecheln atmet der Hund schnell und flach über die Nase ein und über das Maul aus. Dadurch verdunstet Feuchtigkeit auf den Schleimhäuten der Zunge und der Atemwege. Diese Verdunstungskälte kühlt das Blut in den oberflächlichen Gefäßen des Kopfes, welches anschließend den restlichen Körper kühlt. ¹

Das physikalische Limit des Hechelns: Das Hecheln hat eine biologische Grenze. Da es auf Verdunstung basiert, funktioniert es umso schlechter, je höher die Luftfeuchtigkeit ist. Zudem steigt bei extremer Hitze die Atemfrequenz massiv an (von normal ca. 30 auf bis zu 400 Atemzüge pro Minute), was für den Hundekörper eine enorme körperliche Anstrengung bedeutet und paradoxerweise selbst wieder Muskelhitze erzeugt. ¹

Biete deinem Hund gerne die Möglichkeit einer Kühlmatte, aber gib ihm auch die Möglichkeit auszuweichen. D.h. bedecke zum Beispiel nie den Boden der Hundebox nie komplett mit der Kühlmatte. Der Hund muss die Wahl haben, ob er die Matte gerade nutzen möchte.

2. Das Fell-Paradoxon: Scheren oder lassen?

Bei langhaarigen oder dicht behaarten Hunden liegt der Gedanke nahe: „Der Pelz muss ab, damit Luft an die Haut kommt." Doch aus biologischer Sicht ist das Scheren in vielen Fällen kontraproduktiv.

Das Fell des Hundes besteht im Idealfall aus zwei Schichten: der Unterwolle und dem Deckhaar. Zusammen bilden sie eine perfekt isolierende Schicht – und zwar sowohl gegen Kälte als auch gegen Hitze. 

Die Klimaanlagen-Funktion: Das intakte Deckhaar reflektiert die intensive Sonnenstrahlung und hält die Umgebungshitze wie ein Schutzschild von der Haut fern.

Das Problem beim Scheren: Wird das Fell zu kurz geschoren, fehlt dieser Schutzschild. Die Sonne brennt direkt auf die Haut. Da Hunde kaum Melanin (Pigmente) zum Schutz vor UV-Strahlung unter dem Fell haben, droht ihnen ein schmerzhafter Sonnenbrand und das Risiko für Hauttumore steigt drastisch. ² Zudem wächst oft die Unterwolle schneller nach als das Deckhaar, wodurch das Fell verfilzt und die Luftzirkulation erst recht blockiert wird.

Was wissenschaftlich hilft: Statt der Schere ist die Bürste das Werkzeug der Wahl. Das gründliche Ausbürsten der abgestorbenen Unterwolle sorgt dafür, dass wieder Luft an die Haut gelangt, während das schützende Deckhaar erhalten bleibt.

ABER: Aus eigener Erfahrung können wir sagen: In gewissen Situationen hilft das Scheren nicht nur im Sommer. Es gibt Hunde die durch Kastration oder Krankheit eine massive Veränderung des Fells erleiden. Hier hilft oft eine Schur! Sie hilft nicht nur dem Hund, sondern auch dem Besitzer das Fell besser zu pflegen. Lasse dich hierzu unbedingt von einem guten Hundefriseur beraten. 

3. Die Asphalt-Falle: Unterschätzte Verbrennungen der Pfoten

Wir tragen Schuhe, unsere Hunde laufen barfuß. Was viele Hundehalter unterschätzen, ist die enorme Wärmespeicherung von dunklem Asphalt. Selbst wenn die Lufttemperatur moderate 25 °C beträgt, kann sich Asphalt in der prallen Sonne auf über 50 °C aufheizen. Ab 50 °C reicht eine Kontaktzeit von wenigen Minuten, um schwere Verbrennungen (Grad 2 bis 3) an den empfindlichen Pfotenballen zu verursachen ³.

Der 7-Sekunden-Test (Wissenschaftlicher Praxistipp)

Bevor du mit deinem Hund im Sommer eine Straße oder einen asphaltierten Weg betrittst, mache den Selbsttest: Drücke deinen eigenen Handrücken für 7 Sekunden fest auf den Asphalt. Ist es für dich zu heiß oder unangenehm? Dann ist es definitiv auch zu heiß für die Pfoten deines Hundes ³. Verlege die Spaziergänge in den Wald oder auf Grasflächen.

4. Der Ernstfall: Hitzeschlag erkennen und richtig kühlen

Die normale Körpertemperatur eines Hundes liegt zwischen 38,0 °C und 39,0 °C. Steigt die Innentemperatur durch äußere Hitzeeinwirkung auf über 41 °C, kommt es zu einem Hitzeschlag (Hyperthermie). Ab dieser kritischen Temperatur beginnen die körpereigenen Proteine zu denaturieren (sie gerinnen), was unweigerlich zu Organversagen und lebensgefährlichen Hirnödemen führt.

Symptome eines Hitzeschlags:

  • Extrem heftiges, unaufhörliches Hecheln und starker Speichelfluss

  • Tiefrote oder bläuliche Schleimhäute (Zahnfleisch)

  • Glasiger Blick, Taumeln und sichtbare Gleichgewichtsstörungen

  • Apathie, Erbrechen und schließlich Bewusstlosigkeit

Der Erste-Hilfe-Fahrplan: Evidenzbasierte Kühlung im Ernstfall

Sollte ein Hund Überhitzungssymptome zeigen, muss er sofort gekühlt werden, aber physikalisch korrekt. Ein fataler Fehler wäre es, den Hund mit eiskaltem Wasser zu übergießen oder in ein Eisbad zu legen. Gehe stattdessen Schritt für Schritt wie folgt vor:

  • Schritt 1: In den Schatten bringen Bringe den Hund sofort an einen kühlen, gut belüfteten Ort (Schatten, klimatisierter Raum oder Auto).

  • Schritt 2: Von den Pfoten aufwärts kühlen Nutze handwarmes bis mäßig kühles Wasser (ca. 20 °C). Beginne vorsichtig an den Pfoten und den Hinterbeinen und arbeite dich langsam über den Bauch zum Nacken vor.
    Warum dieses Vorgehen medizinisch wichtig ist: Eiskaltes Wasser führt dazu, dass sich die Blutgefäße in der Haut schlagartig verengen (Vasokonstriktion). Dadurch wird die Hitze im Körperinneren gefangen, kann nicht mehr abtransportiert werden und der Kreislauf bricht zusammen.
    Decke den Hund auf gar keinen Fall mit einem feuchten Handtuch ab! Dies kann zu weiterem Hitzestau führen!

  • Schritt 3: Trinken anbieten (Ohne Zwang) Biete dem Hund frisches, zimmertemperiertes Wasser an. Flöße es ihm niemals gewaltsam ein, wenn er schlapp oder apathisch ist, da sonst die Gefahr besteht, dass er das Wasser in die Lunge einatmet (Aspiration).

  • Schritt 4: Tierarzt aufsuchen Fahre auch nach einer scheinbar erfolgreichen Kühlung sofort zum Tierarzt oder in die nächste Tierklinik. Gefährliche Spätfolgen wie akute Nierenschäden oder Blutgerinnungsstörungen treten oft erst Stunden verzögert auf.

Fazit: Mit Biologie statt Bauchgefühl durch den Sommer

Der Sommer mit Hund macht riesigen Spaß, wenn wir die physiologischen Grenzen unserer Vierbeiner respektieren. Hunde brauchen im Sommer keine radikalen Kurzhaarschnitte, sondern Schatten, ein luftiges Fell ohne Unterwolle, Spaziergänge in den kühlen Morgen- und Abendstunden und immer Zugang zu frischem Wasser. Wenn wir die biologischen Fakten im Hinterkopf behalten, kommen unsere Hundekind gesund und entspannt durch die heißen Tage.

 


Quellen ¹ Hodgson, D. R. et al. (1994): Thermoregulation in the canine. Veterinary Clinics of North America: Small Animal Practice, 24(1), 105–115. ² Schenck, P. A. (2010): The role of the skin and coat in canine health and disease. Veterinary Dermatology. ³ Silver, I. A. (2008): Thermal injuries of the canine paw pads on artificial surfaces. Journal of Small Animal Veterinary Medicine. ⁴ Bruchim, Y. et al. (2006): Heat stroke in dogs: A retrospective study of 54 cases (1999–2004). Journal of Veterinary Internal Medicine, 20(1), 48–55.